Geschichte der
Internationalen Komission für Salesianische Studen

In diesem Jahr (2006) feiern wir den 30. Jahrestag der Errichtung der Internationalen Kommission für Salesianische Studien (ICSS). ICSS wurde 1976 auf Anordnung des 14. Generalkapitels der Oblaten des hl. Franz von Sales gegründet. Dieser Meilenstein bietet eine willkommene Gelegenheit, auf die Arbeit von ICSS in den letzten drei Jahrzehnten zurückzublicken und sich über ihre künftige Tätigkeit Gedanken zu machen.

Die Ursprünge

Jene Generalkapitel, die unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stattfanden, werden oft „Erneuerungskapitel“ genannt, da deren Arbeit eine direkte Antwort auf die Aufforderung des II. Vatikanums nach einer „zeitgemäßen Erneuerung des Ordenslebens“ darstellte. Perfectae Caritatis, das Konzilsdekret über die „zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens“, weist darauf hin, dass eine solche Erneuerung zweier gleichzeitiger Prozesse bedarf: (1) „ständige Rückkehr zu den Quellen jedes christlichen Lebens und zum Geist des Ursprungs der einzelnen Institute, zugleich aber (2) deren Anpassung an die veränderten Zeitverhältnisse“ (Nr. 2). Damit meint das Konzil, dass die Ordensgemeinschaften zu ihren ursprünglichen Quellen zurückkehren sollten, um ihr besonderes Charisma wiederzugewinnen, damit dieses Charisma erneut für die Gegenwart praktikabel und anziehend gemacht wird. Auf diesem Hintergrund entschloss sich das Generalkapitel, das 1972 in Eichstätt, Deutschland, stattfand, eine Kommission zu bilden, die ein Statut für eine Internationale Kommission für salesianische Studien erarbeiten solle. Das Ergebnis sollte dann auf dem nächsten Generalkapitel vorgestellt werden. Der damalige Generalobere P. William Ward ernannte daraufhin die Patres Anton Nobis, Daniel Gambet und Alexander Pocetto dazu, diese Aufgabe zu vollbringen. Ihre Arbeit wurde dann am 14. Generalkapitel 1976 genehmigt.
Die vom Kapitel anerkannten Statuten formulieren zunächst die Reichweite der salesianischen Studien: „Der Ausdruck ‚Salesianische Studien’ soll sich beziehen auf Studien über den hl. Franz von Sales, die hl. Johanna Franziska von Chantal, Pater Brisson, die Mutter Salesia Chappuis, die Heimsuchungsschwestern, die Oblatinnen und Oblaten des hl. Franz von Sales, das Salesianische Säkularinstitut und die gesamte salesianische Familie.“ Außerdem wird der Radius der salesianischen Studien mit „drei konzentrischen Kreisen“ beschrieben: Der innerste Kreis bezieht sich auf die wissenschaftliche Grundlagenforschung; davon ausgehend gibt es zwei größere Kreise: der populärwissenschaftliche Kreis, der das Ziel hat, „die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung Leuten zugänglich zu machen, die zwar nicht an wissenschaftlichen Forschungen aber daran interessiert sind, die salesianische Lehre zu kennen und zu leben,“ und der „äußerste Kreis“, der Arbeiten für jene enthält, „die sich in der Verbreitung der salesianischen Lehre und Spiritualität durch die Presse, die Medien, durch Predigt und geistliche Führung aktiv engagieren“ (ICSS Statut, I).
Das vorrangige Werkzeug zur Förderung der salesianischen Studien auf weltweiter Ebene ist eine Internationale Kommission, die aus drei Sales-Oblaten besteht, „die möglichst Experten auf dem Gebiet salesianischer Studien sein sollen“. Jeder von ihnen vertritt eine der Hauptsprachen der Kongregation: „Einer von ihnen soll das englische Sprachgebiet repräsentieren, einer das französische und italienische, einer das deutsche und holländische Sprachgebiet“ (ICSS Statut, II.1). Die Mitglieder der Kommission werden vom Generaloberen nach Beratung mit den jeweiligen Provinzen und Regionen ernannt.

Historischer Rückblick: 1976-2005

P. Anton Nobis von der Österreichisch-Süddeutschen Provinz wurde zum ersten ICSS-Vorsitzenden ernannt. Sein Nachfolger wurde P. James Langelaan (1985-1992), der zuvor schon Mitglied der Kommission gewesen ist. Der dritte Vorsitzende wurde P. Alexander Pocetto von 1992 bis 2002. Ihm folgte der gegenwärtige Vorsitzende P. Joseph Chorpenning. Folgende Sales-Oblaten waren in den letzten drei Jahrzehnten ICSS-Mitglieder: P. Bernard Baussand, P. Jean Brachet, P. Michel Tournade, P. Jean Gayet, P. Konrad Esser. Derzeit gehören ICSS neben dem Vorsitzenden Chorpenning noch P. Herbert Winklehner und P. Dirk Koster an.
Um Sales-Oblaten zu ermutigen, an Projekten für salesianische Studien zu arbeiten, finden sich in den ICSS Statuten auch Kriterien für das Gewähren bescheidener finanzieller Unterstützungen. Anträge um eine solche Unterstützung werden an ICSS eingesandt und dort bewertet. Die Emfpehlungen von ICSS werden dann an den Generaloberen und seinen Rat zur Annahme weitergeleitet. Über die Jahre hinweg wurde auf diese Weise eine Reihe von Projekten, die einem der drei konzentrischen Kreise der salesiansichen Studien zugerechnet werden konnten, finanziell gefördert. Zu diesen Projekten zählt etwa das Jahrbuch für salesianische Studien. Dieses Jahrbuch wird von der Arbeitsgemeinschaft für salesianische Studien, einer Gruppe, die von der Österreichisch-Süddeutschen Provinz gegründet wurde, herausgegeben. Ebenso gefördert wurde das Seminar Salesianischer Wissenschaftler, das P. Joseph Power ins Leben rief. Andere Projekte betrafen etwa unterschiedlichste Medien, die auf verschiedene Art dazu verwendet werden können, salesianische Studien zu fördern oder zu lehren.
Aus eigenem Antrieb unterstützte ICSS im Jahr 2000 die Übersetzung und Veröffentlichung (für private Zwecke) der bahnbrechenden wissenschaftlichen Forschungsarbeit von P. Roger Balducelli OSFS, dem Archivar der Kongregation, über den Seligsprechungsprozess der Guten Mutter. Diese Studie widerlegt meisterhaft die unhaltbaren Vorwürfe von P. Watrigant. Zum Gedenken an den 400. Jahrestag der Bischofsweihe des hl. Franz von Sales und an den 125. Jahrestag seiner Ernennung zum Kirchenlehrer veröffentlichte ICSS im Jahre 2002 die Broschüre „Salesianisch Leiten“. Eine weitere Initiative von ICSS stellt die Förderung und Vorbereitung eines Sammelbandes von Beiträgen salesianischer Wissenschaftler dar, um an den 400. Jahrestag der ersten Begegnung des hl. Franz von Sales und der hl. Johanna Franziska von Chantal im Jahre 1604 zu erinnern. Der Titel des Buches lautet: „Menschliche Begegnung in salesianischer Tradition“. Die Reaktionen auf den Aufruf von ICSS, dafür Beiträge einzusenden, übertrafen alle Erwartungen. Das Buch, das zwanzig Artikel in drei Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch) enthalten wird, stellt eine Fülle an Informationen und Materialien zur Verfügung, zusammen mit einer großen Vielfalt an methodischen Zugängen zum eigenen Nachdenken und zur Weiterverbreitung auf verschiedenen Ebenen: der wissenschaftlichen, der populären und der pastoralen. Das Buch wird im Jahr 2006 erscheinen.
1997 brachte das Generalkapitel seine Sorge über Art und Anwendung einiger geförderter Projekte zum Ausdruck und gab ICSS den Rat, ihre Statuten dahingehend zu verändern, dass in Zukunft salesianische Projekte höchsten drei Jahre lang gefördert werden sollen. Außerdem sollte sichergestellt werden, dass das Internet und die elektronische Medien gegenüber den traditionellen Methoden in der Zielsetzung von ICSS nicht überbetont werden. Daraufhin erfolgte eine Überarbeitung der Statuten, in der diese Ratschläge berücksichtigt und auch andere Änderungen vorgenommen wurden. Im Jahre 2005 schlug ICSS erneut einige Ergänzungen und Streichungen der Statuten vor, die vom Generaloberen und dem Generalrat genehmigt wurden.
Eine der wichtigsten Aufgaben von ICSS besteht im Sammeln und Verbreiten von Informationen von „Einrichtungen, Aktivitäten, Studien und Plänen in- und außerhalb der Kongregation“ auf dem Gebiet der salesianischen Studien weltweit (ICSS Statut, III.2.a.). Zu diesem Zweck gründete P. Pocetto als Herausgeber mit Hilfe der Patres Winklehner und Gayet im November 1997 den „ICSS Rundbrief“, der in Englisch, Französisch, Deutsch und neuerdings auch in Spanisch und Portugiesisch erscheint. Herr Thomas McNamara, der Leiter für Veröffentlichungen an der De Sales Universität, stellte dafür sein technisches und grafisches Können zur Verfügung. Als P. Chorpenning zum Vorsitzenden von ICSS ernannt wurde und damit auch zum Herausgeber des Rundbriefes, wurde die Erstellung und der Druck des Rundbriefes zur Saint Joseph’s University Press nach Philadelphia verlegt, wo P. Chorpenning als leitender Herausgeber arbeitet.
Seit Januar 2004 besitzt der ICSS-Rundbrief ein neues Design und ein neues Format. Jede Ausgabe enthält nun auch zusätzlich zu den üblichen Nachrichten aus der Salesianischen Welt einen Leitartikel sowie auch andere Beiträge, wie etwa eine Auflistung salesianischer Neuerscheinungen und gelegentlich auch Buchbesprechungen. Die Idee hinter dem Leitartikel ist, dass dieser eine Betrachtung zu einem wesentlichen und vielleicht auch etwas vernachlässigten oder unerforschten Thema des salesianischen Erbes darstellt, der sowohl wissenschaftlich fundiert als auch einer allgemeine Leserschaft zugänglich ist, um jene zu unterstützen, die sich in der populären oder pastoralen Verbreitung des salesianischen Charismas engagieren. In seiner charakteristischen Großzügigkeit nahm P. Pocetto, der in der Gründung und Entwicklung von ICSS über viele Jahre hinweg eine so bedeutsame Rolle spielte und auch der Gründungsherausgeber des Rundbriefes war, die Einladung seines Nachfolgers an, weiterhin die salesianischen Nachrichten aus aller Welt zu sammeln und als „Nachrichtenredakteur“ herauszugeben.
Im Jahre 1995, also noch vor der Veröffentlichung des ersten ICSS-Rundbriefes, entwickelte P. Pocetto mit Hilfe der Computerexperten der De Sales Universität auch eine Internetseite. Diese Internetseite war eine der ersten Mittel, salesianische Studien auf tatsächlich weltweiter Ebene zu fördern. Im Jahre 2003 übernahm P. Herbert Winklehner, ein Mitglied von ICSS, als Webmaster die Verantwortung für diese Internetseite. Er baute auf die Pionierarbeit von P. Pocetto auf und überarbeitete diese Internetseiten. Er machte sie attraktiver und benutzerfreundlicher und leistet weiterhin eine hervorragende Arbeit in der Betreuung dieser Seiten. Die Internetseite von ICSS (www.franz-von-sales.de) stellt eine Vielfalt an salesianischen Quellen zur Verfügung (Bibliografien, eine virtuelle Bibliothek verschiedener salesianischer Werke, Artikel, die archivierten ICSS-Rundbriefe, Lieder und eine Bildergalerie) sowie Links zu unzähligen Internetseiten der Salesianischen Familie in aller Welt. Die Annecy-Ausgabe der Werke des heiligen Franz von Sales wird gerade dahingehend aufbereitet, um auf der ICSS-Internetseite zugänglich gemacht werden zu können. Kürzlich hat P. Winklehner auch eine Internetseite erstellt, die P. Louis Brisson gewidmet ist (www.louisbrisson.org). Auf dieser Seite soll die Milleniumsausgabe der Werke des Gründers der Sales-Oblaten und Oblatinnen zugänglich gemacht werden. Durch all diese Initiativen wurden die salesianischen Studien Teil des elektronischen Zeitalters, wie es bisher noch nie der Fall war, und all dies geschah unter der Schirmherrschaft von ICSS.

An der Schwelle zum 4. Jahrzehnt

Auch am Beginn des 4. Jahrzehnts wird ICSS mit Hilfe des Rundbriefes „alles Wissenswerte über Salesianische Studien und Aktivitäten, die es gibt“ sammeln und innerhalb der (wissenschaftlichen) salesianischen Welt der Kongregation und darüber hinaus kommunizieren (ICSS Statut II.3.a). Außerdem wird ICSS auch weiterhin dazu beitragen, salesianische Projekte der Sales-Oblaten finanziell zu unterstützen und in einem wahrscheinlich noch größeren Ausmaß als bisher selbst zu initiieren, mit Hilfe von und zum Nutzen der Kongregation und der weiten Welt der salesianischen Forschung. Viele Ordensgemeinschaften und Kongregationen besitzen ein formelles Organ, das ihre Anstrengungen koordiniert, ihr spirituelles Erbe zu fördern, in dem es wissenschaftliche Quellenforschung unterstützt. ICSS erfüllt diese Funktion für unserer Kongregation ebenso wie für die vielen, die weltweit in der salesianischen Tradition beheimatet sind.
In ihrer Arbeit wird ICSS sowohl von ihren Statuten als auch vom salesianischen Charisma selbst geleitet. Gerade deshalb, weil in der salesianischen Spiritualität die Freundschaft und die menschlichen Beziehungen eine so große Rolle spielen, empfiehlt es sich beispielsweise, die Beziehungen zwischen den „drei konzentrischen Kreisen“ der salesianischen Studien mit mehr Erdung und frischer Dynamik zu versehen. Die salesianische Erforschung der Urtexte findet innerhalb einer internationalen Gemeinschaft von Wissenschaftlern statt, die sich sowohl aus Sales-Oblaten als aus Nicht-Oblaten zusammensetzt. Diese Forschung geschieht aber nicht einfach um des Forschens willen; vielmehr liefern die neuen Einsichten dieser salesianischen Wissenschaftler neue Nahrung und helfen damit, die Verbreitung des salesianischen Charismas auf praktischer und pastoraler Ebene lebendig zu halten, die auf andere Weise Gefahr läuft, einzurosten, ja zum Stillstand zu kommen. Gerade weil derzeit eine so große Sorgfalt dafür verwendet wird, die populäre und pastorale Verbreitung des salesianischen Charismas zu fördern und zu stützen, gibt es eine ebenso starke Verpflichtung zur Erforschung der Urquellen unseres salesianischen Erbes.
Ein anderes Kennzeichen der salesianischen Spiritualität, das die Arbeit von ICSS leitet, ist die sorgfältige Aufmerksamkeit für „unsere Zeit“, um die Anwesenheit der Göttlichen Vorsehung in den gewöhnlichen Ereignissen und alltäglichen Umständen des Lebens wahrzunehmen. Im Blick auf „unsere Zeit“ entdecken wir, dass uns in den nächsten sechzehn Jahren nicht weniger als fünf große Jahrestage eine einzigartige „Jahrhundert-Chance“ geben, das salesianische Charisma zu verbreiten: 2008 ist der 100. Todestag von P. Louis Brisson, 2009 ist der 400. Jahrestag der ersten Veröffentlichung der Philothea, 2010 ist der 400. Jahrestag der Gründung der Heimsuchung, 2016 ist der 400. Jahrestag der ersten Veröffentlichung des Theotimus und 2022 ist der 400. Todestag des hl. Franz von Sales. Dementsprechend ist es mehr als angemessen, dass diese historischen Jahrestage die Brennpunkte der Initiativen sein werden, die durch ICSS in den nächsten Jahren vorgenommen werden, so wie es auch im Fünf-Jahres-Plan (2006-2011) von ICSS bei ihrem Treffen in Rom im April 2005 formuliert und angenommen wurde. Die Statuten und der Fünf-Jahres-Plan können auf der Internetseite von ICSS eingesehen werden: >>>Statuten.